Im Schlösschen-Café fand am Sonntag-Nachmittag eine Lesung mit dem Dramaturgen, Autor und Theaterwissenschaftler Kraft-Eike Wrede statt. Was macht eine Lesung so interessant für die Zuhörerinnen und Zuhörer? Wenn der Vortragende ein begnadeter Sprecher, hier Sprechpädagoge, ist und in wunderbarer Weise das Werk und das Leben Hermann Sudermanns interpretiert und prononciert vorträgt. Kraft-Eike Wrede, Jahrgang 1943, beschäftigte sich schon seit seinem 11. Lebensjahr mit Sudermann und ist ihm bis heute treu verbunden geblieben. Hermann Sudermann (1857 bis 1928), ein fast vergessener ostpreußischer Schriftsteller, der seit 97 Jahren nicht mehr lebt. Sudermann lebte im ersten Viertel des 20.Jahrhunderts als einer der erfolgreichsten deutschen Autoren. Für Wrede war es ein wichtiger Impuls, ihn aus der Vergessenheit zu holen, in die er durch die Negativ-Bewertung in der Nachkriegszeit wegen der UFA-Verfilmungen seiner historischen Stoffe in den 1930er und 1940er Jahren geraten war. Filme wie „Heimat“ mit Zarah Leander, „Katzensteg“ und die „Reise nach Tilsit“ mit Kristina Söderbaum galten nach 1945 als verspätete Nazi-Propaganda. Zu Unrecht, da die Werke lange vor der Nazi-Herrschaft entstanden. Der im memelländischen Matzicken gebürtige Dramatiker („kam, sah und siegte“) kam um die Jahrhundertwende in die damalige Reichshauptstadt (Sudermann „Die Eroberung Berlins“) und musste aufgrund seiner erfolgreichen, weil vielgespielten und -gedruckten Werke den Vergleich z. B. mit zeitgenössischen Dramatikern wie Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann nicht scheuen. In seinem Landhaus im brandenburgischen Blankensee, wenige Kilometer südlich von Berlin gelegen, kann man nach vorheriger Vereinbarung mit der in Berlin ansässigen Hermann-Sudermann-Stiftung seine Wohnumgebung und Park mit dem ehemaligen Arbeitszimmer besichtigen. Blankensee und seine Stadtvilla in der Grunewalder Bettinastraße 3 waren die Fixpunkte seines Lebens. Sudermanns Ehrengrab, das vom Berliner Senat gepflegt wird, findet man auf dem „Grunewald-Friedhof“ in der Bornstedter Straße in Berlin-Charlottenburg.
Kraft-Eike Wrede las aus „Das Bilderbuch meiner Jugend“, „Das Märchen von Frau Sorge“ in die „Reise nach Tilsit“, „Der Gänsehirt“ aus „Im Paradies der Heimat“ und „Thea“ Auszug aus „Die indische Lilie“ und eine zeitlose Schluss-Sentenz Sudermanns. Alles sehr berührend und eindrucksvoll und sehr gut interpretiert von Kraft-Eike-Wrede. Ein nachdenklich machender Nachmittag, der noch lange nachwirken wird. Großer Dank an Kraft-Eike Wrede für seine Vortragsweise, für die Auswahl der Werke und die Zusammenfassung!
Text und Foto: Eveline Harder Berlin, 05.05.2025

