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Thema: Erzähl-Café

Erzähl-Café mit Rüdiger Schaper: Rainer Maria Rilke „Der Prophet der Avantgarde“ am 9. November 2025

Rüdiger Schaper, geboren 1959 in Worms, wechselte nach der Tätigkeit als Kultur-Korrespondent bei der Süddeutschen Zeitung 1999 zum Tagesspiegel. 2005 übernahm er dort die Leitung des Feuilletons. Nach zahlreichen Artikeln mit dem Schwerpunkt auf darstellende Kunst sowie dem 2014 erschienenen „Spektakel. Eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos“, veröffentlichte er Biografien über Harald Juhnke, Konstantin Simonidis, Karl May und Alexander von Humboldt. Im Juli 2025 erschien seine Biografie über Rainer Maria Rilke.

Rainer Maria Rilke ist kein leicht lesbarer Dichter. Er hinterließ ein umfangreiches Werk und einen Briefwechsel mit bekannten und berühmten Persönlichkeiten seiner Zeit. Rüdiger Schaper gab eingangs einen kurzen Lebensüberblick über Rilke, der am 4. Dezember 1875 in Prag geboren wurde. Er zählte die Stationen von Rilkes Leben auf und die vielen Amouren, die ihn begleiteten. Schapers im Juli erschienenes Buch gibt Auskunft darüber. Heute ist das Thema „Rilke – die Musik und die Frauen“.

Die Worte Rilkes über die Musik lauten: „Das Licht in unseren Ohren.“ Ein wundervoller Ausdruck über seine Empfindsamkeit und das Verständnis für den Klang. Dieser Ausspruch wird den Zuhörerinnen und Zuhörern noch lange im Gedächtnis bleiben. Rilke bevorzugte Beethoven, Mozart, Haydn, lehnte Brahms jedoch kategorisch ab. Immer wieder zog er sich an einsame Orte zurück, um sich seiner Schriftstellerei zu widmen, oder sich von Liebschaften zu trennen und von der Welt abzuschirmen. „Ich kann mich durch Musik aufrichten wie Rodin an einer Skulptur“. In seinen Gedichten glaubte Rilke, eine Geige, eine Laute, eine Mandoline, eine Flöte oder ein Klavier zu hören. Als Vielleser entdeckt er zuerst Marcel Prousts Poesie und empfiehlt diese seinem Verleger.
Rilkes Gedichte werden nie vertont, erst nach seinem Tod. Rilke stirbt am 29.12.1926 an Leukämie in Val-Mont. Sein von ihm gewünschter Grabspruch lautet „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern“. Hier nun wohl sein bekanntestes Gedicht

„HERBSTTAG“:

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß,
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage.
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Das war ein zauberhafter Rilke-Nachmittag. Die Zuhörer lauschten andächtig und Rüdiger Schaper trug die Texte und Gedichte mit Leidenschaft und Begeisterung für den Dichter vor. In der Diskussion wurde vieles hinterfragt, und es war ein großes Interesse am Leben des Dichters zu verzeichnen. Großer Dank an Rüdiger Schaper für diese spannenden Stunden mit und über einen großen Dichter des 20. Jahrhunderts.

Eveline Harder
18. November 2025
Text und Foto